Wie Denotato aussehen soll — ein Brainstorm, noch keine Entscheidung
Gilt ab der Wahl „Klarer Rahmen“ vom 29.10.2026 (docs/kontext/entscheidungen/2026-10-29-klarer-rahmen.md). Dieser Text sagt, warum Denotato so aussieht und sich so verhält. Was gebaut wird und mit welchen Maßen, steht im Style-Guide; wo beide auseinandergehen, gilt der Style-Guide, und dieser Text wird nachgezogen. Der Brainstorm vom 11.09.2026 mit den Fragen F1 bis F18 und den ersten drei Bögen liegt im Archiv; die Abschnitte 12 bis 19 sind aus ihm übernommen und behalten ihre Nummern, weil Code und Doku auf sie verweisen.
1. Wozu es Denotato gibt
Wer studiert, verteilt sein Semester auf zu viele Orte: Mitschriften in einem Programm, Karteikarten in einem zweiten, Termine im Kalender des Telefons, Fristen in Moodle, Aufgaben auf einem Zettel. Jeder Ort ist für sich brauchbar. Zusammen kosten sie jeden Tag die Frage, wo etwas steht und ob etwas vergessen wurde.
Denotato legt diese Dinge an einen Ort und verbindet sie: Eine Karteikarte weiß, zu welchem Modul sie gehört; eine Prüfung weiß, welche Karten bis dahin fällig werden; eine Mitschrift weiß, aus welcher Vorlesung sie stammt. Gelernt wird mit FSRS, weil Wiederholung nach Vergessenskurve messbar mehr behält als Wiederholung nach Gefühl. Später kommt ein Wissensgraph dazu, der sichtbar macht, was mit was zusammenhängt.
Der Satz für Fremde bleibt: „Deine Notizen, Karteikarten, Termine und dein Studium — an einem Ort, der dir gehört.“ Gehören heißt: Sensibles ist Ende-zu-Ende verschlüsselt, und Denotato verkauft keine Aufmerksamkeit.
2. Für wen
Für Studierende. Die ersten sitzen an der Humboldt-Universität zu Berlin, weil Christian und Ben dort sind; die HU ist dabei ein Anbieter unter vielen (§16). Moodle, Stundenplan und Mensa kommen als Quellen herein, die jede Hochschule anders hat.
Studierende haben wenig Zeit, ein Werkzeug zu lernen, und sie öffnen es oft nebenbei: zwischen zwei Vorlesungen auf dem Telefon, abends am Rechner für eine Stunde Lernen. Denotato muss beim ersten Öffnen verständlich sein, ohne Einführung. Es muss am Telefon so gut funktionieren wie am Schreibtisch, darum werden beide Breiten zugleich entworfen. Und es lenkt nicht ab: Farbe und Bewegung dienen nur der Orientierung (§5, §9).
3. Was „klar“ heißt
Das Vorbild ist Apples Human Interface Guidelines mit ihren drei alten Grundsätzen: Klarheit, Zurückhaltung, Tiefe.
Klarheit. Auf jedem Schirm erkennt man in einer Sekunde, wo man ist, was das Wichtigste ist und was man als Nächstes tun kann. Der große Titel sagt das Wo. Die eine gefüllte Hauptaktion sagt das Nächste. Rang entsteht aus Größe, Gewicht und Grauwert der Schrift, nicht aus Rahmen und Farbflächen.
Zurückhaltung. Die Oberfläche tritt hinter den Inhalt zurück. Was der Mensch angelegt hat, seine Karten, Termine und Seiten, ist das Bunte; Leisten, Köpfe und Knöpfe bleiben ruhig. Eine Bereichsfarbe steht am Zeichen und nirgends sonst.
Tiefe. Ebenen zeigen, wo etwas herkommt und wohin es zurückgeht. Eine Karte zoomt in ihr Blatt und beim Schließen zurück an ihren Platz; ein Blatt kommt von unten und geht nach unten. Wer so eine Bewegung einmal gesehen hat, weiß beim nächsten Mal ohne Nachdenken, wie er wieder herauskommt.
Zwei Gesetze der Gestaltung kommen dazu. Nach Jakobs Gesetz verbringen Menschen den größten Teil ihrer Zeit in anderen Programmen und erwarten, dass Denotato sich verhält wie diese: Suche mit ⌘K, Rückgängig mit ⌘Z, Blätter mit Griff, Seitenleiste links, Konto unten in der Seitenleiste. Nach Hicks Gesetz wächst die Zeit für eine Entscheidung mit der Zahl der Möglichkeiten; darum begrenzen die Ruheregeln, wie viel auf einmal dasteht (§5).
4. Das Apple der Notion-Welt
Notion hat gezeigt, dass eine Wissensablage aus Blöcken, Seiten und Datenbanken alles sein kann. Der Preis ist eine Oberfläche, in der alles möglich und wenig offensichtlich ist. Denotato will dieselbe Mächtigkeit mit der Selbstverständlichkeit, die man von Apples eigenen Programmen kennt: Die häufigen Wege liegen offen, die seltenen eine Ebene tiefer, und nichts verlangt, dass man die Anleitung gelesen hat.
Das Vorbild betrifft Verhalten und Ordnung, nicht die Marke. Denotato trägt kein Apple-Logo, keine Apple-Namen und keine nachgebauten Apple-Schirme. Es hat seine eigene Marke: den Freien Kranz, die Eule und die Bereichsfarben.
5. Ruhe
Die Rückmeldungen der letzten Wochen sagten oft dasselbe mit anderen Worten: zu viel auf einmal, zu viele Farben, zu viele Kästen. Vier Ruheregeln antworten darauf, und sie gelten in jedem Paket.
Auf jedem Schirm gibt es genau eine gefüllte Hauptaktion. Zwei gefüllte Knöpfe nebeneinander verlangen eine Abwägung, die der Schirm hätte treffen müssen.
Über dem Falz stehen höchstens sechs Dinge. Sechs ist die im Bogen gewählte Grenze; das siebte rückt nach unten oder hinter „Mehr“.
Die Bereichsfarbe steht nur am Zeichen und am Motiv eines leeren Schirms. Eine Fläche, ein Streifen oder ein Verlauf in Bereichsfarbe macht aus zwölf Bereichen einen Regenbogen, und dann fällt nichts mehr auf. Das Zeichen in seiner Farbe genügt, um einen Bereich wiederzuerkennen.
Hinweise stehen als schmale Zeile unter dem Kopf. Ein Kasten über dem Inhalt schiebt den Inhalt nach unten und behauptet eine Wichtigkeit, die ein Hinweis selten hat.
6. Was die Rückmeldungen gelehrt haben
Aus den Rückmeldungen zu den Bögen sind acht Regeln geworden.
Eine Zahl, ein Zeichen und eine Farbe sagen mehr als ein Satz, der dasselbe umschreibt. Ein Satz steht nur dort, wo er selbst der Inhalt ist: in einer Mitschrift, einer Antwort des Begleiters, einer Frage, die eine Entscheidung verlangt.
Der Inhalt nutzt die volle Breite. Ein Widget ohne Inhalt blendet sich aus, statt mit einem Leersatz Platz zu belegen.
Nichts wird abgeschnitten. Die Höhe folgt dem Inhalt in Schritten von 76 px, und /ansehen misst den Überlauf auf jedem Schirm.
Häufiges ist sichtbar, Seltenes liegt im Menü „…“, und langes Drücken ist immer nur ein zweiter Weg zu etwas, das auch anders erreichbar ist.
Jeder Knopf im Kopf hat ein Tastenkürzel und zeigt es im Tooltip. Wer Denotato täglich benutzt, erreicht die häufigen Wege so ohne Maus.
Jede Änderung einer Lage federt. Federn machen sichtbar, wohin etwas gegangen ist.
Zwölf Einträge in drei Räumen ordnen die Seitenleiste. Quellen wie Moodle sind Reiter des Bereichs, dem sie zuarbeiten, und keine eigenen Einträge.
Erledigtes und Doppeltes räumt sich selbst weg. Wer es zurückwill, nimmt die Rücknahmezeile, die nach jedem Wegräumen fünf Sekunden steht.
7. Der Kern ordnet, das Paket färbt
Denotato kennt mehrere Pakete, die ein Konto wählen kann: die Sternwarte mit ihren zwölf Szenen, Klar und weitere. Ein Paket entscheidet über Farbe, Schrift, Werkstoff und Grund. Es entscheidet nicht darüber, wo etwas steht und wie es sich verhält. Seitenleiste, Kopf, Tableiste, Widgets, Gesten und Federn gehören dem Kern und sind in jedem Paket gleich.
Wer das Paket wechselt, soll nichts neu lernen müssen; ein Handgriff, der in Klar sitzt, sitzt auch in der Sternwarte. Und jede Verbesserung an Ordnung und Verhalten kommt allen zugute, statt in einem Paket stecken zu bleiben.
Klar ist das Paket ohne Szenen, Korn und Steine: Systemschrift mit Apples Textstilen, Glas auch auf Karten, ein Grund, der der Tageszeit folgt, ein einziger Akzent. Die Sternwarte bleibt das Paket mit Himmel, Werkstoffen und Edelsteinen. Beide folgen denselben Ruheregeln.
8. Der Rahmen
Heute ist die erste Seite nach der Anmeldung. Alles darauf ist ein Widget, mit einer Vorgabe, die ein Admin unter dashboard.widgets stellt: was als Nächstes ansteht, wie viele Karten fällig sind, welche Frist näher rückt. Wer will, ordnet die Widgets selbst; wer nicht will, bekommt eine Seite, die ohne Zutun trägt.
Die Seitenleiste gliedert nach Räumen, weil Studierende in Räumen denken: im Studium, im Alltag, in der Ablage. Häufigkeit ändert sich jede Woche, der Raum eines Bereichs bleibt. Admin steht beim Konto, weil nur wenige es brauchen.
Der Kopf trägt einen großen Titel und rechts Suche, Neu und Mitteilungen; das Konto steht unten in der Seitenleiste. Zusammen sind das die vier Werkzeuge. Daneben steht nur noch die Eule des Begleiters. Mehr gehört nicht dauerhaft in den Kopf; was seltener ist, liegt im Menü „…“ am Titel.
Am Telefon ersetzt eine Tableiste die Seitenleiste. Ihre fünf Plätze sind die Dinge, die man unterwegs öffnet: Heute, Kalender, Lernen, To-Dos und „Mehr“ für alles andere.
Der Begleiter ist auf jedem Schirm einen Tipp entfernt. Er ist der Teil von Denotato, der Fragen beantwortet und Material erklärt. Darum steht er am Rechner als Zeile in der Leiste und als Eule im Kopf, am Telefon als Eule neben dem Konto.
9. Bewegung
Bewegung erklärt, woher etwas kommt und wohin es geht. Sie ist körperlich: Flächen haben Masse, folgen dem Finger, behalten beim Loslassen ihren Schwung und lassen sich mitten in der Bewegung abfangen. Eine Feder lässt sich unterbrechen, eine feste Kurve nicht; darum ist jede Bewegung eine Feder.
Wer weniger Bewegung will, stellt sie auf „aus“, und dann verschwindet die Bewegung, aber nicht die Auskunft: Statt zu gleiten, blendet das Neue kurz über das Alte. Ein Sprung ohne Übergang ließe offen, was sich geändert hat. Apple verfährt bei „Bewegung reduzieren“ genauso.
10. Die Eule und der Begleiter
Die Eule ist Denotatos einzige Figur. Sie steht als Zeichen an einem Satz, den Denotato selbst sagt, und höchstens einmal je Schirm. Eine schwebende Eule in der Ecke gibt es nicht mehr; sie stand auf jedem Schirm und war dadurch auf keinem eine Auskunft.
Den Begleiter erreicht man trotzdem überall: am Schreibtisch über seine Zeile in der Seitenleiste und die Eule im Kopf, am Telefon über die Eule neben dem Konto. Die Eule sagt, was ist. Sie lobt nicht, tadelt nicht und setzt kein Ausrufezeichen.
11. Text
Jeder sichtbare Satz muss etwas sagen, das man ohne ihn nicht wüsste (§17). Knöpfe nennen, was der Klick tut, als Verb mit Sache („Karte anlegen“, nicht „OK“); Fehler nennen den nächsten Schritt; Sachen heißen auf jedem Schirm gleich. Deutsch setzt „…“, englisch “…”. Werbesprache gibt es in Denotato nicht, auch nicht auf der Startseite für Fremde: Dort zeigt Denotato, was es kann, statt es zu behaupten.
Keine Oberfläche, die nach Maschine aussieht. Verläufe in Violett (außer dem Verlauf der Scheibe am Fortschrittsring), Text mit Farbverlauf, Funkelzeichen und ein Glanz ohne Ursache sind die Erkennungszeichen von Oberflächen, die niemand gestaltet hat. verify:eigenstil findet sie.
12. Nichts, was nur im Code zu ändern ist
Was ein Admin plausibel anders wollen könnte, stellt ein Admin in Denotato: Reihenfolgen, Vorgaben, Grenzen, Texte. Ein Wert, der nur im Code steht, zwingt für jede Änderung einen Entwickler herbei und wird darum nie geändert. Ein Schalter für Nutzer entsteht erst, wenn jemand ihn zum zweiten Mal verlangt, und jeder Schalter hat eine Vorgabe, die ohne ihn trägt. Fest im Code bleiben nur Sicherheit, Richtigkeit und Invarianten, jeweils mit dem Grund im Kommentar. Fest sind die Ruheregeln R1 bis R4, die Zielfläche von 44 px, die Kontraste aus §17 des Guides und die Stufen der Schrift. Stellbar sind Bereichsfarben, Dichte, Bewegungsstufe und die Vorgabe der Widgets (Guide §18).
13. Das Projekt ist die Quelle
Was entschieden ist, steht im Repository und im Wiki, nicht in einem Chat. Eine Entscheidung ohne Wortlaut wird beim nächsten Mal anders erinnert. Darum hat jede bedeutsame Wahl eine Datei mit dem Wortlaut, und der Style-Guide nennt sie an der Stelle, die sie regelt. Was die Maschine prüfen kann, wird ein Glied in verify, dessen Meldung die Abhilfe nennt.
14. Eine lange Rollliste ist keine Übersicht
Was höher ist als das erste Bild, braucht Gliederung (Guide §15.1). Dann kommen Gruppen mit Überschriften, und wo ein Eintrag Zustand und Bedienung trägt, Kacheln. Auf einer Kachel steht, was man ändern kann, und man ändert es dort. Wo die Reihenfolge selbst die Aussage ist, im Papierkorb oder in einer Chronik, bleibt die Liste.
15. Die Vorschau ist der Editor
Geändert wird am Ding, wie es dasteht. Ein Formular, dessen Ergebnis man erst danach sieht, verlangt, zwischen zwei Stellen hin- und herzuschauen. Die Seite „Heute“ wird darum im echten Raster bearbeitet: Die Widgets wackeln, lassen sich ziehen und entfernen, und eine Rücknahme steht bereit.
16. Unser Fall ist ein Beispiel, nicht die Regel
Die HU, AGNES und Moodle sind die ersten Quellen, weil Christian und Ben dort studieren. Gebaut wird für jede Hochschule. Ein Name, eine Adresse oder ein Ablauf der HU im Code ist ein Fehler, auch wenn er heute funktioniert.
17. Kein Leerlaufsatz
Unter einer Überschrift steht nichts, was sie oder der Inhalt schon sagt: keine Ankündigung, keine Inhaltsangabe, keine Begründung an Entwickler, kein Werbesatz. Was bleiben darf, ist eine Folge, eine Frist, eine Zusage zum Datenschutz oder der Ort der Handlung. Braucht ein Titel Erklärung, wird der Titel besser. Das gilt für Schirm und Doku gleichermaßen.
18. Wischen: rechts die Hauptaktion, links die Möglichkeiten
Am Telefon löst Wischen nach rechts die Hauptaktion einer Zeile aus, bei einer Aufgabe das Abhaken. Wischen nach links öffnet das Fach mit den weiteren Möglichkeiten, und ganz rechts steht darin immer „Löschen“. Die Geste kennt man aus Mail und Erinnerungen; sie hilft nur, wenn jede Richtung in jeder Liste dasselbe bedeutet. Wischen ist nie der einzige Weg: Am Schreibtisch steht die Hauptaktion als Knopf an der Zeile und das Übrige im Menü „…“.
19. Gestaltet wird mit Maß und Brillen
Das Maß ist der Style-Guide. Die Brillen Impeccable, Emil Kowalski, Taste und Apples Richtlinien helfen beim Hinsehen, entscheiden aber nichts, was der Guide schon entschieden hat. Jede sichtbare Änderung wird vorher und nachher mit /ansehen angesehen, auf Telefon und Schreibtisch, hell und dunkel. Was dort auffällt und sich prüfen lässt, wird eine Messung.